Überwachen und Strafen

"Sehr geehrter Gartenfreund…, der Vorstand hat einen Pflegerückstand in Ihrem Kleingarten festgestellt. Wir bitten Sie daher dringend, den Garten in Ordnung zu bringen, da schon Beschwerden der umliegenden Gärten vorliegen. Wir fordern Sie hiermit auf, Ihren gepachteten Garten innerhalb von 2 Wochen in einen vertragsgemäßen Zustand zu versetzen." Die letzten Korrekturen an der vorliegenden Ausgabe 1 erfolgen in der leider nur vermeintlichen Idylle einer Leipziger Kleingartensparte. Würde die immer brüsker werdende Durchsetzung des durch das Bundeskleingartengesetz strikt reglementierten Gartenregimes nicht zunehmend Nerven kosten, man könnte der lehrbuchgenauen Bestätigung gängiger Klischees durchaus Komisches abgewinnen. Zumindest liefert die eingangs zitierte Mitteilung den passenden Einstieg in das aktuelle Thema Überwachen und Strafen. Denn neben einem offenbar gut geölten Kontrollapparat ist die interessanteste Beobachtung wohl die Wirkmächtigkeit einer foucaultschen Disziplinarmacht, die man innerhalb einer Saison locker verinnerlicht hat und munter reproduziert. Die Selbstdisziplinierung, es gibt sie. Das Wissen darum liefert das mentale Bollwerk gegen Vuvuzelas und Deutschlandfähnchen an Gartenlauben, nicht aber gegen Giersch und Löwenzahn.


Überwachen und Strafen ist indes nur die Klammer für eine ganze Reihe von Themen, die vielfach erst auf den zweiten Blick miteinander in Verbindung stehen. Die vorliegende Doppelausgabe (2+3) der Ausgabe 1 schließt an den vorangegangenen Schwerpunkt "Die Stadt" an und richtet unter den Stichworten Sammeln, Sehen, Flüchten, Einsperren, Strafen und Erinnern ihre Aufmerksamkeit auf Aspekte der Beobachtung, des Ein- und Ausschlusses sowie die gesellschaftlichen Konsequenzen, die daraus erwachsen. Die technische Dimension der Datenerfassung und -auswertung bringt es mit sich, dass sowohl die technischen als auch juristischen Entwicklungen in Bezug auf diese Themen stetigen Veränderungen unterworfen sind. Das vorliegende Magazin versammelt als Ergebnis eines dreijährigen Arbeitsprozesses Beiträge aus diesem Zeitraum, die in ihren jeweiligen Entstehungskontext eingebettet bleiben. So behält die bereits im Jahr 2009 für das Bundesverfassungsgericht angefertigte Stellungnahme des Chaos Computer Clubs zur Vorratsdatenspeicherung, die hier vollständig abgedruckt wird, auch nach den verschiedenen in der Zwischenzeit ergangenen Urteilen nicht zuletzt deswegen ihre Brisanz, weil zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieses Heftes (Sommer 2012) die endgültige Ratifizierung einer entsprechenden EU-Richtlinie noch immer aussteht.


Die Ausgabe 1 möchte aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen dokumentieren, analysieren und kritisieren. Durch die assoziative Zusammenführung von künstlerischen, journalistischen und wissenschaftlichen Genres sollen die inneren Verknüpfungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen freigelegt werden, innerhalb derer vordergründig profane Ereignisse in Bezug auf die hier verhandelten Themen fundamental in gesellschaftliche und identitäre Strukturen hineinwirken. Darüber hinaus versteht sich das Gesamtprojekt der Zeitschrift für Weltverdopplungsstrategien als ein archivarisches. Vollständigkeit wird angestrebt, muss aber – wahrscheinlich – unerreicht bleiben.


Das Thema der vierten Ausgabe der Ausgabe 1 lautet Arbeit.

ÜBERWACHEN & STRAFEN

Zweite und Dritte Ausgabe


Inhalt

Columbidae
Comic: Max Baitinger


Kommissar Computer

Horst Herold und die Virtualisierung des polizeilichen Wissens

Text: Lea Hartung


Rückzug ins Mittelalter?

Datenkontrolle und Diskriminierung

Text: Marcel Raabe


Überwachen und Vorbeugen

Prävention und das Ende der Kritik

Text: Peter Ullrich

 

Der Herr der Kekse

Zu den technischen Hintergründen des Data-Mining

Text: Conrad Hoffmann


Stellungnahme des Chaos Computer Clubs zur Vorratsdatenspeicherung

Text: Constanze Kurz, Frank Rieger


Irak Rotation

Fotos und Zeichnungen: Stefanie Schroeder


Softdrink besiegt Kameras

Videoüberwachung als Motiv in der Werbung

Text: Dietmar Kammerer


"Die Freiheit der Kunst hängt mit der Möglichkeit zusammen, Risiken zu schaffen"

Interview mit der Intendantin des Thalia Theaters Halle Annegret Hahn

Scherenschnitte: Was Du wissen solltest (Die Zukunft)


Vollstes Entgegenkommen

Das Migrationsregime der EU und seine Grenzsicherungsagentur Frontex

Text: Claudia Krieg


Schattenbericht Abschiebehaft

Ein Erfahrungsbericht aus der Arbeit des Bündnisses gegen Abschiebehaft Tübingen/Rottenburg


AsylVfG, AufenthG, AsylbLG

Fotos: Betty Pabst


Anstalten

Text: Florian Gantner


Überwachung, Zirkulation, Architektur

Im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen

Text: Sebastian Schönbeck


Nulla societas sine poena?

Strafe als Ressource gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion

Text: Sebastian Heer


Was bleibt? Erinnerungsorte und kollektives Gedächtnis in Argentinien

Eine Bevölkerung markiert ihre Hauptstadt gegen das "kollektive Vergessen"

Text: Michael Herrmann


Lyrikdossier für Christian Geissler

Herausgeber: Jan Decker, Gerald Fiebig


Montseny 8, piso No. 1, Barcelona Gracia

Bilder und Text: Antje Günther


Amaryllis

Hörspiel: Jan Decker

Grafik: Phillip Janta


Nachwort zur Grammatik der Sprachen von Babel

Text: Jürgen Buchmann


Glossar