WAS BLEIBT?

Erinnerungsorte und kollektives Gedächtnis in Argentinien


von MICHAEL HERRMANN

 

Julio López. Aparición con vida – Julio Jorge López verschwindet am 18. September 2006 im Alter von 77 Jahren aus seinem Haus in La Plata nahe Buenos Aires spurlos. Er ist der Kronzeuge in einem Prozess gegen den Polizeioffizier Miguel Osvaldo Etchecolatz. Angeklagt wegen Mordes, Freiheitsberaubung und Folter in besonders schwerem Fall, steht diesem eine lebenslange Haft bevor. Nur wenige Tage vor Prozessbeginn wird López vermutlich entführt und ermordet.

 

Genau 30 Jahre nach Beginn des letzten Militärputsches erhält die Liste der Opfer der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 einen weiteren Namen. Die Menschen sind schockiert von der offensichtlich noch existierenden Macht der Putschisten von ´76. Aber diesmal sind sie vorbereitet.

 

Während der Militärdiktatur in Argentinien wurden ungefähr 30.000 Menschen von den Behörden und der paramilitärischen Vereinigung Alianza Anticomunista Argentina (AAA) verschleppt, gefoltert und anschließend auf Todesflügen über dem Rio de la Plata lebendig in den Fluss geworfen. Die Akten sind bis heute nicht öffentlich zugänglich, und die Regierung sträubt sich, die Verbrechen offiziell anzuerkennen und die Täter vor Gericht zu stellen. Menschenrechtsorganisationen und die Angehörigen der Vermissten fordern nach wie vor die Freilassung der Opfer, da sie fürchten, dass mit dem Eingeständnis ihres Todes die Erinnerung an das Geschehene verblassen und durch die Errichtung von Mahnmalen dem Vergessen anheim gestellt würde, ohne dass man die wahren Todesumstände der Opfer endgültig aufgeklärt hätte.

 

Die Bürokratie und das Militär im demokratischen Argentinien war nach den Amnestiegesetzen der ersten demokratischen Regierung Raúl Alfonsíns (1983 bis 1989) weiterhin durchsetzt von den alten Garden. Noch immer regulierten sie den Staat und machten ihre eigenen Gesetze, wie die »Befehlsnotstandsgesetze« und die »Schlussstrichgesetze« der 90er Jahre nahelegten. Als die Bevölkerung das realisierte, erhielten die Menschenrechtsorganisationen wie die Madres de la Plaza de Mayo, Abuelas de Plaza de Mayo und H.I.J.O.S. großen Zulauf. Einrichtungen zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der letzten argentinischen Diktatur wie Cels – Centro de Estudios Legales y Sociales und ein eigens eingerichteter Lehrstuhl an der Universität von Buenos Aires fanden zunehmend Beachtung.

 

Mittlerweile haben die Menschenrechtsorganisationen ihren Einfluss weiter ausgebaut. Sie haben Mittel und Wege gefunden, die Verantwortung für das argentinische kollektive Gedächtnis sowie die Ausgestaltung der Erinnerungsorte übertragen zu bekommen. Die Politik hat einsehen müssen, dass Erinnerungskultur und ihre Berücksichtigung in den Programmen der Parteien wahlentscheidend sein kann. Die Wahl Néstor Kirchners zum argentinischen Präsidenten im Jahre 2003 hat das gezeigt.1 Heute ist das Erbe der Desaparecidos – der Verschwundenen – Antrieb und Motor für die Kreativität und Massenmobilisierung zur Aufarbeitung der letzten argentinischen Diktatur.

 

Wie und nach welchen Kriterien spiegelt sich das kollektive Gedächtnis in argentinischen Erinnerungsorten im Sinne von Pierre Noras Lieux de mémoire? Welche sind seine wichtigsten gesellschaftlichen Handlungsträger?

 

Alltag – das größte kollektive Gedächtnis

 

Die Konfrontation zwischen Geschichte und Politik sowie die Auseinandersetzung um die Erinnerung ist in Buenos Aires allgegenwärtig. Es scheint, als hätte sich jedes einzelne Stadtviertel der eigenen Vergangenheit angenommen und Initiativen, Menschenrechtsorganisationen und Stiftungen gegründet. 2006 formierte sich beispielsweise die Initiative Comisión x la Memoria y la Justicia de La Paternal y Villa Mitre. Sie machte sich zum Ziel, eine Art Landkarte der Desaparecidos in Buenos Aires zu erstellen. Mit einzelnen »Stolpersteinverlegungen« erinnerten die Mitglieder an die Wohnorte der Opfer.2 Sie benutzten den öffentlichen Raum als ihre Präsentationsfläche, indem sie Kinoplakate umgestalteten und mit den Konterfeis von ehemaligen Tätern überklebten. Die Erinnerung an die Diktatur zwischen 1976 und 1983 wird durch diese und ähnliche Aktionen sinnbildlich den Anforderungen einer neuen Generation angepasst und dieser damit auch symbolisch übergeben.

 

Die Menschenrechtsorganisation H.I.J.O.S.Hijos por la identidad y la justicia contra el olvido y el silencio (»Kinder für die Identität und die Gerechtigkeit, gegen das Vergessen und das Schweigen«) – demonstriert als Vertreterin der dritten Generation gegen das »kollektive Vergessen« und für die Bestrafung der Täter. Dafür haben ihre Mitglieder eine einfache und sehr effektive Methode entwickelt, die sie Escrache nennen. Übersetzt aus dem Lunfardo, einer Art Synonymsprache der Einwanderer, die ab dem 19. Jahrhundert vor allem von unteren Schichten gesprochen wurde, bedeutet dies so viel wie »ans Licht bringen«. Dabei demonstrieren sie vor den Häusern oder Arbeitsplätzen der Täter, informieren die Nachbarn über deren Taten und verlangen ihre Kündigung. Im Vordergrund steht dabei, die Nachbarschaft zu sensibilisieren und dafür zu sorgen, dass diese selbstständig für die Ächtung der Täter eintritt, indem diesen etwa keine Zeitung mehr verkauft oder ihr Foto als eine Art »Fahndungsfoto« in den Läden des Viertels ausgestellt wird. Die moralische und soziale Verurteilung ersetzt die juristische »Gerechtigkeit«, die vom argentinischen Staat durch die »Schlussstrich-« und Amnestiegesetze beinahe unmöglich gemacht worden ist. Diese Form des kommunikativen Gedächtnisses stärkt die Gesellschaft und schafft sich seine eigenen Orte der Erinnerung. Es schließt den Dialog zwischen Opfern und Tätern von vornherein aus und basiert auf absoluter Abgrenzung.

Überhaupt spielen die Menschenrechtsorganisationen in Argentinien eine entscheidende gesellschaftliche Rolle bei der Manifestation des kollektiven Gedächtnisses. Jeden Donnerstag demonstrieren vor der Casa Rosada – dem argentinischen Regierungssitz – die Madres de la Plaza de Mayo für die Erinnerung an die »Verschwundenen«. Am 24. März jedes Jahres, dem Gedenktag für die Opfer der Militärdiktatur, versammeln sie Zehntausende in Buenos Aires zum »nationalen Gedenken«.

Parque de la Memoria – Vergessen statt Erinnern

Vor allem die Madres de la Plaza de Mayo – Linea Fundadora und andere Organisationen, die eine lediglich »symbolische Aufarbeitung« befürchten, wehren sich gegen die Errichtung von Memorialen wie dem Parque de la Memoria, der 2007 vom damaligen Präsidenten Néstor Kirchner eingeweiht worden ist. Die Anlage wurde als Skulpturenpark am Rio de la Plata errichtet, zusammen mir einem Pfad in Form einer »offenen Wunde«. Die Namen aller bislang bekannten Desaparecidos sind in einem Mahnmal eingraviert worden. Da bisher noch nicht alle Opfer identifiziert werden konnten, entschied man sich, Platz zu lassen für weitere Namen. Ein Informationszentrum soll dem Besucher die nötigen Hintergrundinformationen liefern.

Dieses Mahnmal wird von einigen Menschenrechtsorganisationen als Versuch eines Schlussstrichs abgelehnt. Durch diese kompromisslose Argumentationsweise drängen die Organisationen den Staat immer wieder dazu, seine Vorgehensweise in Bezug auf das Gedenken der Opfer zu überdenken. Sie lassen es nicht zu, dass ihnen die Verantwortung dafür aus den Händen genommen wird, und bestimmen offen jede Diskussion.

ESMA und Garaje Olimpo – Bisher kaum beachtete Erinnerungsorte

Die Gedenkstätten der ESMA – Escuela de Mecánica de la Armada, das größte Folterzentrum während der Diktatur, und der Gedenkort der Garaje Olimpo – stoßen hingegen durchaus auf Zustimmung der Organisationen. Es gibt Bestrebungen, die ESMA zum nationalen Gedenkort auszubauen, an dem allen Opfern der letzten Diktatur gedacht werden soll. Am 24. März 2004 übergab Néstor Kirchner das Gebäude an die Madres de la Plaza de Mayo sowie anderen Menschenrechtsorganisationen und eröffnete so die Möglichkeit der Einrichtung einer Gedenkstätte. Allerdings weigerten sich die Militärs zunächst, das Gelände zu räumen, und so arbeiteten Täter und Opfer einige Jahre Tür an Tür. Diese für die Opfer unerträgliche Situation wurde beendet, als man 2006 das gesamte Gelände zum Gedenkort erklärte. Mittlerweile führen Zeitzeugen durch die Gedenkstätte.

 

El pañuelo – Das Kopftuch der Madres de la Plaza de Mayo als Symbol im kollektiven Gedächtnis

Bei jeder Gedenkveranstaltung für die Opfer der letzten Militärdiktatur in Argentinien sieht man in den ersten Reihen die Kopftücher der Madres de la Plaza de Mayo und der Abuelas de la Plaza de Mayo. Seit ihrer Gründung vor mehr als 30 Jahren tragen sie dieses Erkennungszeichen. Sie sollen die »Windeln« ihrer entführten Kinder repräsentieren und sind seit 1977 zu einem Symbol für den Widerstand gegen staatliche Repression gegen die eigene Bevölkerung geworden. Ein Symbol, das mittlerweile sogar exportiert wird. Die Madres setzen sich nicht nur für die Menschenrechte im eigenen Land ein, sondern beflügeln und unterstützen Ideen dieser Art im gesamten Cono Sur und auch darüber hinaus.3 Jeden Donnerstag treffen sich ihre Anhänger und Anhängerinnen am Plaza de la Independencia vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires und demonstrieren für »Aparición con vida de los detenidos desaparecidos«»das lebendige Erscheinen der Verschwundenen«. Längst ist erwiesen, auf welche Art und Weise die rund 30.000 Desaparecidos entführt und ermordet wurden, und die Orte staatlicher Repression des argentinischen Militärregimes sowie der paramilitärischen Spezialeinheiten der Alianza Anticomunista Argentina (AAA), welche die meisten Entführungen und Morde zu verantworten haben, sind bekannt. Diese Forderung der Madres ist als symbolischer Akt ein Ausdruck sozialer Kommunikation. Der Aufruf »Aparición con vida!« steht heute für die immer noch geltende Aufforderung an den Staat, die Schuldigen aus den eigenen Reihen zu verbannen und die Aufarbeitung der letzten argentinischen Diktatur weiter voranzutreiben. Er dient als Appell an die Generationen danach, »Nunca más!4 – Nie wieder!« ein solches Regime zuzulassen. Vor allem die Weitergabe der Erinnerung an die nachfolgende Generation hat offenbar in Argentinien funktioniert, weil Organisationen wie die Madres & Abuelas de la Plaza de Mayo es vermochten, einen Erinnerungsauftrag zu vermitteln. Sie haben die Lösung offen gelassen und die Verantwortung abgegeben. Zeitzeugenschaft fungiert heute innerhalb der Erinnerungskultur Argentiniens als eine Art Kraftquelle der Wertevermittlung und Stärkung von Zivilcourage. Die Gefahr, die Aleida Assmann5 in der »Verfestigung und Verengung der Erinnerung« bei der Umwandlung des individuellen Gedächtnisses zum kollektiven Gedächtnis in Deutschland erkannt hat, ist in Argentinien kein akutes Problem. Gerade die Madres stehen für den Dialog mit der Jugend und verbinden ihre Aktionen mit künstlerischen und medialen Elementen, Ausstellungen, Filmen, Straßenfesten u.v.a.6 Sie sind zu einer gesellschaftlichen Institution geworden, zu einer moralischen Instanz und einem politischen Instrument, das sich nur schwer beherrschen lässt.

 

24. März – Ein argentinischer Erinnerungsort besonderer Tragweite

Der wichtigste Gedenktag in Argentinien ist der 24. März. 1976 übernahmen die Militärs an diesem Tag die Macht aus den Händen von Isabel Perón, der Gattin des zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Präsidenten Juan Perón. Das Land war schon vor der Machtübernahme der Militärs um Jorge Rafael Videla tief zerrissen. Linke Oppositionelle und rechte Peronisten lieferten sich schwere Kämpfe. Nach dem Tod Peróns 1974 war seine Frau Isabel Perón nicht in der Lage, die Situation zu stabilisieren. Der linke und rechte Terrorismus eskalierte, und die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich. Am 24. März 1976 putschten sich die Militärs an die Macht.

 

Bereits 1973 hatte der damalige Sozialminister José López Rega mit der Alianza Anticomunista Argentina (AAA) eine rechte paramilitärische Einheit gegründet, die damit begann, ihre Widersacher in geheimen Haftzentren zu internieren. Während des sogenannten Proceso de Reorganización Nacional»Prozess der Nationalen Reorganisation« – zwischen 1976 und 1983 war diese Organisation für alle Entführungen verantwortlich. Die AAA arbeitete mit Billigung des Staates und entführte ihre Opfer meist bei Nacht-und-Nebel-Aktionen, ohne die Angehörigen über deren Verbleib zu unterrichten. Sie wurden in geheime Haftzentren gebracht, dort gefoltert und verhört. Die erzwungenen Denunziationen nährten das System und führten zu ständig neuen Verhaftungen, die in vielen Fällen Unbeteiligte trafen.7 Die meisten der ungefähr 30.000 »Verschwundenen« wurden in den ersten vier Jahren des Regimes entführt. In den Jahren danach wurden die Fälle weniger, zahlreiche Haftzentren wurden geschlossen, viele Akten vernichtet und die Orte staatlicher Repression umgenutzt, abgerissen, überbaut. An der Stelle des Folterzentrums Club Atlético, unweit der Casa Rosada und mitten in der Innenstadt von Buenos Aires gelegen, wurde Ende der 80er Jahre eine Autobahnbrücke gebaut. Mittlerweile haben Bürgerinitiativen für archäologische Ausgrabungen gesorgt und einen Gedenkort eingerichtet.

 

Der Beginn der Diktatur liegt fast 40 Jahre zurück. Das Datum hat sich den Menschen eingeprägt. Es ist ein Synonym für die letzte und brutalste Diktatur in der Geschichte Argentiniens. An diesem Tag haben viele Argentinier das Vertrauen in ihre Regierung verloren, und diese Distanz hält in einigen Punkten bis heute an. So ist auch der Gedenktag des 24. März kein simpler Feiertag, an dem man der Opfer gedenkt. Vielmehr erscheint er als eine offene Anklage der Bevölkerung an den Staat, der endlich alle Geheimnisse preisgeben, Akten öffnen und Täter nennen soll. Auf der anderen Seite werden an diesem Tag und bei den Demonstrationen überall im Land auch aktuelle Probleme angesprochen. In Verbindung mit diesem Datum bekommt eine Meinung im Land sehr viel Kraft, weil dieser Tag an den Staatsterror und dessen Folgen, aber auch an mutige Opposition und deren Erfolge erinnern soll. Er erlangt dadurch beinahe sakrale Bedeutung und spaltet die Gesellschaft erneut in zwei Lager.

 

Pagina12 – ein Tag, ein Foto, ein Desaparecido

Pagina12 ist eine argentinische Tageszeitung, die in Buenos Aires erscheint, aber im ganzen Land vertrieben wird. Die Zeitung vertritt linkspolitische Ansichten und arbeitet im Stil des New Journalism. Mitte der 90er Jahre wurde sie zum wichtigsten Oppositionsmedium gegen die Regierung von Carlos Menem und seine neoliberale Wirtschaftspolitik, der man einen Ausverkauf des Landes und einen proamerikanischen Regierungsstil vorwarf. Unter der Regierung Menem wurden zahlreiche »Schlussstrichgesetze« und Amnestien verabschiedet. Bei den Mitgliedern der Opposition, aber auch der ärmeren Bevölkerung ist er zum Inbegriff der wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes geworden. Sein Drängen auf »kollektives Vergessen« hat den Menschenrechtsorganisationen einen enormen Zuwachs gebracht und gezeigt, dass der Versuch, Erinnerungen und Erfahrungen zu löschen oder mundtot zu machen, das Bewusstsein für das Gedenken verstärken kann. Jeden Tag erscheint in der Pagina12 an nicht festgelegter Stelle eine anuncioeine Anzeige von der Familie eines Desaparecido. In einem rechteckigen Rahmen meist am Ende der Seite stehen der Name des Opfers, der Tag seines Verschwindens und ein paar Gedanken der Angehörigen neben dem Foto des Entführten. Text und Form verbinden sich zu einer Symbiose aus Todesanzeige und Vermisstenanzeige. Jeden Tag seit über zwei Jahrzehnten werden die Leser dieser Zeitung an die Opfer der Diktatur erinnert. Sie lesen die Namen ihrer Freunde und Familienangehörigen zwischen den täglichen Nachrichten. Diese bewusste Personifizierung schafft Identität und bringt die Opfer aus der Anonymität zurück in das Gedenken der Gesellschaft. Indem man ihnen ein Gesicht gibt, entkräften die Anzeigen die Absicht der Täter, die Opfer durch ihr spurloses Verschwinden ihrer Identität zu berauben.8

 

Was bleibt?

 

Das kollektive Gedächtnis Argentiniens beansprucht nicht die Rolle einer moralisch perfekten Aufarbeitung, die sich die Vermittlung zum Ziel gemacht hat. Vielmehr arbeiten die Akteure gezielt mit ausgrenzenden Elementen. »Täter« haben in den Augen der Menschenrechtsorganisationen keinen Anspruch auf Rehabilitation. Sie müssen gestellt, isoliert und ausgegrenzt werden, wo immer man ihnen habhaft wird. Diese Aktionen beginnen in Argentinien direkt vor den Haustüren der Täter. Kleinere Projekte zur Aufarbeitung haben als Stadtteil- oder Privatinitiativen vor allem das Gedenken an die Opfer im Blick. Graffiti in den Straßen, Gemälde an Häuserwänden, gepflanzte Baumreihen mit Plaketten, die die Namen der Opfer des jeweiligen Stadtviertels tragen, sind nur einige Beispiele. Die Erinnerung scheint jeden Raum einnehmen zu wollen, um dem Vergessen zu begegnen.

 

Bis heute ist die argentinische Regierung nicht bereit, alle Archive zugänglich zu machen. Das erhöht den Druck aus der Bevölkerung, zum einen, was die Bestrafung der Täter betrifft, und zweitens – unmittelbar damit zusammenhängend – fördert es den Drang zur Eigeninitiative. Das kollektive Gedächtnis Argentiniens heftet sich an die Orte der Verbrechen. Wer so knapp dem intellektuellen und kulturellen Exodus entkommen ist, neigt dazu, diese Erfahrungen und die Erinnerung daran zu ritualisieren. Argentinien hat in diesem Prozess das ein oder andere Mal auf die Erfahrung und Unterstützung der europäischen Erinnerungskultur zurückgegriffen, angefangen bei universitären Partnerschaften, über die Inanspruchnahme finanzieller oder personeller Unterstützung in transatlantischen Kooperationen9 bis hin zu Adaptionen künstlerischer Ideen, z.B. bei den »Stolpersteinen« in den Stadtvierteln Paternal und Villa Mitre in Buenos Aires. Auf der anderen Seite sind von Argentinien viele neue Impulse ausgegangen. Ein Beispiel hierfür sind die künstlerischen Intentionen von El Siluetazo10den Silhouetten, die ihren ersten großen Durchbruch 1983 in der argentinischen Hauptstadt bei einem Widerstandsmarsch feiern konnten.

 

Die Erinnerungskultur in Argentinien macht vor diesem Hintergrund einen außerordentlich lebendigen Eindruck. Sie wirkt durch ihre Aktionen frisch, kreativ und dadurch überlebensfähig. Der Übergang zur nächsten Generation ist gesichert, und die vielen kleinen Orte bilden eine wichtige Landkarte der Erinnerungen der Stadt Buenos Aires und des ganzen Landes. Bleibt zu hoffen, dass es weiterhin einen intensiven Austausch zwischen Europa und Südamerika geben wird, von dem beide Seiten profitieren.

 

(Der Beitrag erschien in der 2.+3. Ausgabe der Ausgabe 1: »Überwachen und Strafen«)

 

 

Endnoten

 

1 Dem 2010 verstorbenen Néstor Kirchner wurde vonseiten der Opposition vorgeworfen, die Menschenrechtsproblematik 2003 nur aus populistischen Gründen in das Wahlprogramm seiner Partei (Partido Justicialista) aufgenommen zu haben. Für ihn sprechen aber seine Bemühungen um die Eröffnung der Gedenkstätte ESMA und des Parque de la Memoria, die in den persönlichen negativen Erfahrungen mit dem Regime begründet liegen.

2 Die Aktionen der Initiative können in einem Blog verfolgt werden: www.barrioymemoria.blogspot.com [letzter Zugriff 10.09.2012]. In ihrer Form und der Anordnung der Namen und Daten ähneln sie den »Stolpersteinen« des Künstlers Gunter Demnig.

3 1996 vermittelten sie beispielsweise zwischen der kolumbianischen Guerillabewegung FARC und der kolumbianischen Regierung. 1993 wurden sie u.a. in Deutschland zum Gedenken an den 60. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers empfangen und sprachen im Anschluss vor dem Internationalen Kongress für Menschenrechte in Wien.

4 »Nunca más! – Nie wieder!« ist ein Aufruf, den man bei Demonstrationen in Argentinien häufig auf den Plakaten und Transparenten findet. Er wird innerhalb der argentinischen Bevölkerung unmittelbar mit der Erinnerung an die Militärdiktatur verknüpft.

5 Aleida Assmann: Wie wahr sind Erinnerungen? In: Harald Welzer (Hg.): Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburg 2001, S. 103-122. Hier S. 120.

6 Alle ihre Aktionen werden auf der Internetseite www.madres.org angekündigt [letzter Zugriff 10.09.2012].

7 In ihrem Buch La noche de los lápices beschreiben María Seoane und Héctor Ruiz Núñez das blutige Ende eines Schüleraufstandes, der sich gegen die Erhöhung von Transportgebühren im Raum Buenos Aires gerichtet hatte, vom Staat aber als Angriff auf seine Grundfesten verstanden wurde. Den anschließenden Verhaftungen und Morden fielen ein Großteil der beteiligten Jugendlichen zum Opfer. Diese Geschichte ist heute in Argentinien ein Sinnbild für die Brutalität und paranoide Vorgehensweise des Regimes bei der Wahl ihrer Opfer.

8 In der Urteilsbegründung nach dem Prozess gegen den Militärangehörigen Miguel Etchecolatz, der wegen Mord, Freiheitsberaubung und Folter politischer Gegner zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, fiel in diesem Zusammenhang gar das erste Mal das Wort »Völkermord«. Es habe sich um einen systematischen Vernichtungsplan an einer ganzen politischen Gruppe gehandelt.

9 Berlin ist die Partnerstadt von Buenos Aires. 2003 bat der Bürgermeister von Buenos Aires den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit um finanzielle und personelle Hilfe für die archäologischen Ausgrabungen beim Club Atlético. Diese Zusammenarbeit gipfelte 2005 in einem Internationalen Symposium in Berlin: Urbane Erinnerungskulturen. Berlin und Buenos Aires. Ein Projekt im Rahmen der Städtepartnerschaft.

10 Diese Praxis wurde initiiert von den drei visuellen Künstlern Rodolfo Aguerreberry, Julio Flores und Guillermo Kexel. Vgl. Ana Longoni: El Siluetazo. Künstlerisch-politische Praktiken der städtischen Intervention in der argentinischen Menschenrechtsbewegung. In: Estela Schindel, Peter Birle, Elke Gryglewski (Hg.): Urbane Erinnerungskulturen im Dialog: Berlin und Buenos Aires. Berlin 2009.